Der Weg ist das Ziel? : Die Gewissheit, dass Christus mitgeht, motiviert (15.08.2011)

Das Hochfest „Mariä Aufnahme in den Himmel“ ist ein Wallfahrtsfest. Viele Menschen pilgern zum Beispiel in den schwäbischen Wallfahrtsort Maria Vesperbild. Wenn dieser Impuls Sie erreicht, pilgert der Autor schon seit mehr als zehn Tagen an der nordspanischen Atlantikküste auf dem Jakobsweg – irgendwo zwischen Santander und Santiago de Compostela.

Matthias Schmidt auf dem Jakobsweg

Der Weg ist das Ziel?

Die Gewissheit, dass Christus mitgeht, motiviert

Wenn der Weg das Ziel ist, dann sind auch schrecklich schmerzende Blasen am Fuß das Ziel, dann sind teils unerträgliche Gelenkschmerzen das Ziel, überfüllte Pilgerherbergen, Ohropax-resistentes Massen-Schnarchen, furchtbare Steigungen, Erschöpfung, jeden Tag immer wieder früh Aufstehen und 25 – 30 km scheinbar sinnloses Gehen. Fast täglich kann man Gründe finden, das Pilgern auf dem Jakobsweg einfach abzubrechen, mit dem nächsten Bus zum Flughafen zu fahren und sich zu Hause auf das bequeme Sofa zu legen.

Pilgern im Lebenslauf

Das Pilgerbüro in Santiago de Compostela stellt allen Pilgern, die die letzten 100 Kilometer bis zum Ziel tatsächlich zu Fuß zurückgelegt haben und dies durch Stempel in ihrem Pilgerausweis nachweisen können, eine kirchlich anerkannte Urkunde (sog. „Compostela“) aus. Viele junge Spanier pilgern nach Santiago, um die Compostela anschließend in ihren Lebenslauf einfügen zu können. So beobachten „echte“ Pilger, die oftmals schon seit vielen Hundert Kilometern unterwegs sind, dass manche „Taxi-Pilger“ Gepäcktransport-Dienste und sogar Taxifahrten nutzen, um in den nächsten Ort zu kommen, wo es einen Stempel gibt. So erreichen sie stets die günstigen Herbergen zuerst und belegen die Betten. Das kann für die „echten“ Pilger frustrierend sein.

Herbergen im Sinne des Evangeliums

Nur vereinzelt findet man heute Unterkünfte, die in mittelalterlicher Tradition den Pilger kostenlos oder gegen Spende nächtigen lassen. Seit dem Mittelalter fühlten sich die Menschen in den Orten auf dem Jakobsweg durch den Besuch der Pilger geehrt. Aus Nächstenliebe und Respekt vor der frommen Anstrengung nahmen sie die Pilger bei sich auf und handelten so im Sinne des Evangeliums: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“ (Mt 25,35). Was ist davon übrig geblieben?

Die Begegnungen sind das Schöne

Es gibt solche freundlichen, warmherzigen Menschen auf dem Weg. Dazu zählen nicht nur der ein oder die andere Herbergsmutter, sondern auch viele andere Pilger, denen man auf dem Weg begegnet. Jeder und jede hat eine ganz persönliche, eigene Geschichte zu erzählen. Die Motivationen, auf diesem seit Jahrtausenden beschrittenen Weg mit dem Ziel der Kathedrale von Santiago de Compostela zu pilgern, dahin, wo der der Apostel Jakobus begraben liegen soll, könnten unterschiedlicher nicht sein – und doch sind sie stets von einer gewissen brüder- und schwesterlichen Ähnlichkeit geprägt.

Nähe und gemeinsame Freude

Der Zuspruch, den der Jakobsweg heute über alle politischen und weltanschaulichen Grenzen hinaus findet, steht sinnbildlich für das Wiedererwachen eines breiten spirituellen Interesses. Der Wunsch nach einem friedlichen und freudvollen Miteinander, in Form einer Weggemeinschaft als Zeichen eines guten Miteinanders der Kulturen und Religionen. Auch wenn nicht bei allen Pilgern christliche Motive eine dominierende Rolle spielen – übrigens auch bei weitem nicht bei allen Pilgern, die in diesem Jahr zum Weltjugendtag mit Papst Benedikt XVI. im Madrid pilgern und daran teilnehmen – so eint der Glaube daran, dass es stets einen liebenden Jemand gibt, letztlich alle Pilger.

Es gibt einen liebenden „Jemand“

Wenn ich einen Schluck Wasser von einem Pilgerfreund bekomme, dann ist er mein Nächster. Und wenn das überdimensionale Weihrauchfass durch die Kathedrale von Santiago fliegt und sich viele bekannte Gesichter wiedersehen, vereint mit dem wundersamen Klängen der Orgel und dem Gesang der Pilger, spätestens dann erkennt man: wir sind niemals alleine – besonders nicht auf den schmerzhaften Kilometern, in denen die Blasen und Gelenke gedrückt haben, wo dann ein freundlicher Pilger noch ein Blasenpflaster für mich übrig hatte. Oder ein Herbergsvater, der doch noch irgendwie eine Schlafgelegenheit auftreiben kann, obwohl schon alles voll war. Wir sind nicht alleine, sondern gemeinsam auf einem Weg, wir sind begleitet auf allen Schritten, von vielen Weggefährten; von Christus, der in jeder und jedem einzelnen mitgeht.

Der Refrain der offiziellen Hymne des Weltjugendtages 2011 drückt diese Gewissheit und diesen Glauben aus:

„Halt am Glauben fest! Ja so gehen wir mit Christus unserm Freund und unserm Herrn. Ewig sei ihm Ehr! Gehen wir mir Christus, halten wir am Glauben fest!“

Pilgern im Alltag – als Christen und als Kirche

Es lohnt sich, mit offenem Herz und Geist auch im Alltag unterwegs zu sein, darauf zu vertrauen, dass Christus in den Menschen lebt, denen ich begegne. Wenn wir unser Leben als Christen und in der Kirche nicht als statische Angelegenheit, sondern als lebendiges Pilgern begreifen, können wir begreifen, dass Christus immer mit uns unterwegs ist. Im Schmerz und in den Anstrengungen und Mühen des Weges. Aber auch in der Freude, den schönen Etappen, den guten Gesprächen und dem Gefühl, voranzukommen, dem Ziel gemeinsam näher zu kommen.