Die Quelle aller Heilung : Die Sünder sind die Heiligen (11.02.2012)

Die Quelle aller Heilung

Die Sünder sind die Heiligen

Krankheit und Aussatz

Der 11. Februar ist der Gedenktag unserer Lieben Frau von Lourdes. Tausende Menschen pilgern ständig an den Marienwallfahrtsort in Frankreich, dessen Quellwasser schon zahlreiche Leute geheilt haben soll. Nur die allerwenigsten werden von ihren körperlichen Leiden befreit. Die meisten werden seelisch gestärkt. Die pilgernde Weggemeinschaft, das gemeinsame Gebet und ihr Glaube heilen sie innerlich. Der Aussätzige im Markusevangelium am Sonntag fällt vor Jesus auf die Knie und sagt: „Wenn du willst, kannst Du machen, dass ich rein werde“ (Mk 1,40) – dieser Glaube an die Kraft Jesu bewegt viele Menschen, auf der Suche nach ihrem Heil, nach Heilung nach Lourdes zu kommen.

Die Krankheit des Aussätzigen, der Aussatz, war ein echtes soziales Problem, das mit radikaler gesellschaftlicher Ausgrenzung verbunden war. Das beschreibt das alttestamentliche Buch Levitikus, in dem es viel um strenge hygienische Vorschriften geht: Aussätzige sollen abseits wohnen und lautstark ihre Unreinheit in die Welt schreien: „Der Aussätzige, der von diesem Übel betroffen ist, soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungepflegt lassen; er soll den Schnurrbart verhüllen und ausrufen: Unrein! Unrein!“ (Lev 13, 45)

Ausgrenzung und Integration

Wer sind eigentlich die Aussätzigen in der heutigen Gesellschaft? Behinderte Menschen, Obdachlose, Bettler, Schwerkranke, Arbeitslose, Alkoholiker, Drogen- oder Suchtkranke, alte Menschen, Andersgläubige…? Die Liste von regelmäßig und strukturell Ausgegrenzten ließe sich vermutlich lange fortsetzen. Wen grenzen wir aus, wen grenze ich aus? Von wem halte ich mich fern und warum eigentlich? Es bringt nichts, mich selbst auf einer moralisierenden Schiene zu verurteilen, denn es sind gesellschaftliche Strukturen, die zu Diskriminierung und Ausgrenzung führen. Eine persönliche Verantwortung kann ich aber trotzdem nicht leugnen, denn ich bin immer Teil dieser Gesellschaft.

Die Heilung, die Jesus dem Aussätzigen schenkt, ist in erster Linie eine gesellschaftliche Rehabilitierung. Die neu gewonnene Reinheit integriert den Menschen wieder in die „normale“ Gesellschaft. Jesus kann als Vorbild dienen, wie ich mit ausgegrenzten Menschen umgehen darf und womöglich auch soll.

Integrierte oder ausgegrenzte Christen?

Wenn sich Christen und Kirche in der Nachfolge Christi sehen und diesem Anspruch gerecht werden wollen, müssen sie sich die Frage gefallen lassen, ob und wie sie Leute hinein-holen und einladen. Welche Menschen werden von der Kirche ausgegrenzt? Integrieren unsere Gemeinden und die Strukturen der Kirche die Unreinen, Aussätzigen und gescheiterten Menschen dem Vorbild Jesu gemäß? Wie funktioniert das zum Beispiel mit Menschen, deren Lebensentwurf schiefgegangen ist? Priester, die es nicht geschafft haben, den Zölibat durchzuhalten; Partner, deren Ehen kaputt gegangen sind; Menschen, die nicht der gesellschaftlich anerkannten und normierten Sexualität und Lebensform genügen? Ist es okay, sie als Abgefallene, Ehebrecher oder Sünder zu bezeichnen?

Unreinheit und Heiligkeit

Die Logik der Ausgrenzung funktioniert so: der Ausgegrenzte ist unrein, deshalb mache ich mich selbst unrein, wenn ich mich in seine Nähe begebe und gerate selbst in die gesellschaftliche Stigmatisierung, wenn ich zulasse, mit einem Unreinen gesehen zu werden. Die Begegnung mit Jesus durchbricht diese Logik und dreht sie um: die Begegnung mit Jesus heilt und macht nicht sündig, sondern heilig. Wenn wir glauben, dass Jesus in den Ausgegrenzten ist, ist es ein zweifacher Dienst, auf sie zuzugehen. Zuerst ein Dienst an ihnen, wenn wir sie in unsere Gemeinschaft einladen und damit ihrer Ausgrenzung ein Ende machen, und dann: ein Dienst an uns selbst, weil wir durch die Begegnung mit ihnen Christus begegnen.

Das Paradox von Sünde und Heiligkeit

Der Sünder wird zum Heiler, – die Ausgegrenzten sind die Heilenden, die mich und sich zu Ge-Heilten, zu Heiligen machen. So funktioniert es wohl auch in Lourdes: egal, mit welchem Leiden, welcher Krankheit, welcher Unreinheit ich mich auf den Weg mache, ich begegne Christus in dem Leid derjenigen, mit denen ich gehe und in meinem eigenen Leiden. Die eigentliche Heiligung geschieht dann, wenn ich in Krankheit und Leid Jesus erkenne. Das Symbol dafür ist die reinigende Waschung an der Quelle in Lourdes, denn der Quell aller Heiligkeit und die Quelle aller Heilung ist Christus selbst.

Der Glaube an Christus lebt vom Paradoxen. Christen sehen den zu Tode verurteilten Verbrecher am Kreuz und sagen: das ist das Heil der Welt, er nimmt alle unseren Sünden weg. Wir sehen ein kleines Stück Brot und sagen: das ist Jesus Christus, unser Heiland. Wir lesen von Menschen geschriebene Worte und sagen: Worte des lebendigen Gottes. Wir sagen: das Grab ist leer, der Tote lebt und ist auferstanden. Schwerkranke, unheilbare Menschen berühren französisches Quellwasser und fühlen sich geheilt.

So kann es vielleicht auch in der Fastenzeit gehen. Ich faste, verzichte, schränke mich ein und sage: das ist das Leben in Fülle.

 

Hier erschienen: http://www.gernekatholisch.de/impuls-im-februar-2011