Mein Blut, das für … wen vergossen wird? (27.04.2012)

Was „pro multis“ soll und was es bringt

Jesus hat sein Blut nicht „für alle“, sondern nur „für viele“ vergossen. Im Einsetzungsbericht, den Worten, die Jesus beim Letzten Abendmahl gesprochen hat und die der Priester im Hochgebet über Brot und Wein spricht, steht in der aktuellen deutschen Messbuch-Ausgabe: „Mein Blut, das für Euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Bald soll es nicht mehr „für alle“, sondern „für viele“ heißen. Papst Benedikt hat dies in einem Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch deutlich gemacht und die Bischöfe aufgefordert, eine gründliche Katechese für alle Gläubigen im deutschen Sprachraum durchzuführen. Warum besteht der Papst auf dieser Änderung und warum macht er sein Schreiben an die Bischöfe öffentlich?

Die Bischöfe können sich nicht einigen

In fast allen Ländern der Erde sind die griechischen Worte peri oder hyper pollon bzw. die lateinischen Worte „pro multis“ in den jeweiligen Landessprachen, wie vom Vatikan gewünscht, als „für viele“ übersetzt. Schon vor fünf Jahren hatte der Leiter der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung an alle Bischöfe der Welt geschrieben und die Argumente dargelegt, die der Papst in seinem Brief noch einmal gründlicher beleuchtet hat. Die Bischöfe sollten in höchstens zwei Jahren den Priestern und Gläubigen in ihren Ländern gut erklären, warum die Änderung vorgenommen wird. Das war im Jahr 2007. Die deutschsprachigen Bischöfe konnten sich jedoch, wie so häufig, nicht einigen. Über diese andauernde Uneinigkeit hatte Erzbischof Zollitsch den Papst unlängst in Kenntnis gesetzt. Daher hat der Papst die Diskussionen nun beendet, auch weil bald die Neuauflage des Messbuchs und das neue Gotteslob im deutschsprachigen Raum erscheinen.

Übersetzung ohne Interpretation?

Der Papst meint, „für alle“ sei keine reine Übersetzung, sondern eine Interpretation. Beides, Übersetzung und Auslegung seien unzulässigerweise verschmolzen. Aber welche Übersetzung ist frei von Interpretation? Ist nicht jede Übersetzungsleistung eine Interpretation? Unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, während der Übersetzung der Messtexte in die Landessprachen wurde mit der Theorie der „dynamischen Bibelübersetzung“ gearbeitet. Dabei fragte man häufig nicht nach dem genauen Wort, das im Hebräischen oder Griechischen stand, sondern eher nach dem Sinn des Satzes und danach, mit welchen Worten man ihn heute ausdrücken würde. So konnte man „pro multis“ mit „für alle“ übersetzen, da dogmatisch sicher war, dass Jesus sein Leben für alle Menschen, nicht nur für manche hingegeben hat. Der Papst meint, dass diese mit Auslegung vermischte Übersetzung nur aufgrund eines heute nicht mehr bestehenden exegetischen Konsenses möglich war.

Doppelte Treue vs. Spaltung

Jesus habe sich mit seinen Worten als der von Jesaja prophezeite Gottesknecht zu erkennen gegeben (Jes 53,11f.). Man meinte, das hebräische Wort für „viele“ bei Jesaja bedeute in Wahrheit „unzählbar viele“, also „alle“. Dies sei jedoch nicht korrekt. Vielmehr nutze Jesus die Formulierung „für viele“ und bleibe damit dem Alten Testament und seiner Sendung treu. Da die Kirche wiederum dem Wort Jesu treu bleiben soll, muss auch im deutschen Hochgebet diese Treue endlich deutlich werden. Bevor die Änderung jedoch in Kraft tritt, müssen die Bischöfe ihre Priester und Gläubigen einer intensiven Katechese unterziehen, damit diese verstünden, dass die Kirche nicht ihre Lehre verändere und auch nicht mit dem Konzil brechen wolle. Offensichtlich sorgt der Papst sich um die Einheit seiner Kirche und will auf jeden Fall eine Spaltung in konkreten pastoralen Situationen vor Ort verhindern. So schreibt er: „Für den normalen Besucher des Gottesdienstes erscheint dies fast unvermeidlich als Bruch mitten im Zentrum des Heiligen. Sie werden fragen: Ist nun Christus nicht für alle gestorben? Hat die Kirche ihre Lehre verändert?“

Sprache schafft Realität

Die Änderung von „für alle“ zu „für viele“ wird sicherlich von vielen, wenn nicht sogar von allen Katholiken als Bruch wahrgenommen werden. Denn Sprache schafft Realität. Wenn ich bisher immer „alle“ gehört habe, werde ich „viele“ als „wenige“ oder zumindest „weniger“ hören. Die Assoziation, hier sei quasi ‚ein exklusiver katholischer Heilsclub gemeint‘, liegt nahe. Wenn Jesus für alle gestorben ist, warum hat er dann in den Abendmahlsworten „für viele“ gesagt? Und warum sollten wir dann die Worte ändern? Gleichzeitig ist die Sprache der Bibel nicht beliebig veränderbar hinsichtlich dessen, was man gerne von Jesus hören würde oder wie man seine Worte aufgrund anderer Bibelstellen versteht und interpretiert.

Konkrete Teilnahme

Der Papst erklärt, die „vielen“ seien die konkreten Menschen, die über den ursprünglichen Jüngerkreis hinaus tatsächlich real an der Feier der Eucharistie teilnehmen. Diese tragen dadurch mit Verantwortung für das Heil von „allen“, die in den Heilswillen Jesu eingeschlossen sind, jedoch (noch) nicht den Weg an den Tisch und in die Mahlgemeinschaft Jesu gefunden haben. Das ist der Unterschied zwischen dem generellen Heilswillen Jesu für alle Menschen aller Zeiten einerseits und der Heilung für diejenigen, die konkret seinen Leib und sein Blut empfangen andererseits. Denjenigen, die all dies pastoral vermitteln sollen, wird viel Kreativität und Ausdauer abverlangt. Vielleicht kann dabei Karl Rahners Idee der „anonymen Christen“ helfen, die auch dann Anteil am Heil Christi haben, wenn sie Ihn nicht (ausdrücklich) bekennen. Die „Vielen“ empfangen die Gnade und haben damit die Verpflichtung, so zu leben, dass sich „alle“ eingeladen fühlen, wirklich das Fest mitzufeiern und wirklich am Mahl teilzunehmen.

Chancen der Katechese

Die vom Papst gebotene Katechese bietet große Chancen für die Reflexion der pastoralen Arbeit und für das Verständnis von Eucharistie in den Bistümern und Gemeinden. Dringliche Fragen könnten im Kontext dieser Problematik angesprochen und behandelt werden. Zum Beispiel könnte die Frage diskutiert werden, wer denn die „Vielen“  in unserer Gemeinde sind oder wer darüber entscheiden soll, ob jemand am Leben der Gemeinde oder an der Eucharistiefeier teilnehmen darf oder nicht. Wer sind bei uns diejenigen, deren Blut vergossen wird und für wen wird es eigentlich vergossen? Wie übernehmen wir unsere Verantwortung für die vielen, die wir als Teilnehmer der Eucharistie übertragen bekommen haben? Die Frage nach der Übersetzung von „pro multis“ darf nicht einfach im liturgischen, gottesdienstlichen Raum am Altar bei den genauen Worten des Hochgebets stecken bleiben oder verengt werden auf die Fragen nach der Gültigkeit der Eucharistiefeier. Darauf mögen in dieser Diskussion viele festgelegt sein, hoffentlich sind es nicht alle.

Dieser Kommentar ist zuerst hier erschienen: http://www.kath-kommentar.de/2012/04/mein-blut-das-fur-wen-vergossen-wird/