Google’s Leibeigene (31.08.2012)

Befreiung aus der Abhängigkeit von Google und der Werbebranche

Wer in der Google-Suchmaske „Lufthansa“ eingibt, findet bei den Ergebnissen zuerst Werbung für Flüge. Darunter listet die Suchmaschine Nachrichtenseiten auf, die über den aktuellen Streik des Kabinenpersonals berichten: Reuters, die Financial Times und die Frankfurter Rundschau, etc. Diese Ergebnisse sind mit „News“ überschrieben. Erst danach tauchen die Webseite der Fluggesellschaft, dann der Wikipedia-Artikel usw. in den Suchergebnissen auf.

Die Softwares von Suchmaschinen wie Google durchsuchen das Internet unter anderem nach tagesaktuellen Nachrichten und stellen daraus eine Art Pressespiegel zusammen. Bei Google heißt das „Google News“. Hier findet man eine breite Auswahl von Online-Nachrichtenportalen. Google verweist direkt auf aktuelle Artikel, die in diesen Portalen zur Verfügung gestellt werden. Außerdem werden kleine Ausschnitte der Artikel direkt auf der Google-Seite angezeigt. Durch die rundherum geschalteten Werbebanner verdient Google mit diesem Angebot Geld.

Google soll zahlen

Ist Google deshalb unrechtmäßiger Nutznießer von Leistungen der Presseverlage und verletzt damit verbundene Urheberrechte? Das jüngst vom Bundeskabinett verabschiedete Gesetz zum Leistungsschutzrecht soll deutsche Verlage an den Einnahmen beteiligen, die Suchmaschinen wie Google erzielen, wenn sie auf Presseartikel im Internet verlinken. Auch sogenannte „News-Aggregatoren“, die Artikel anderer thematisch bündeln, Twitter-Feeds oder RSS-Feeds könnten von dem Gesetz betroffen sein.

Es ist unwahrscheinlich, dass Google und andere dies mit sich machen lassen. Vermutlich werden sie reagieren, indem sie die entsprechenden Links zu den Webseiten der Verlage entfernen. Nach eigenen Angaben leitet Google pro Minute 100.000 Klicks auf Verlagsseiten weiter. Offenbar sind die Nachrichtenportale im Netz darauf angewiesen, von Google verlinkt und damit vermarktet zu werden. Sie sind von Google abhängig. Diese Abhängigkeit würde noch verschärft durch die Forderung, Google solle nun Tantiemen an die Verlage zahlen.

Ohne Google geht es gegenwärtig nicht

Entfernte Google die Links zu Presseartikeln, würden die Nachrichtenportale deutlich weniger besucht, die Artikel würden weniger gelesen. So geschehen bei der belgischen Verwertungsgesellschaft „Copiepresse“, die geklagt hatte, weil bei „Google News“ Artikelausschnitte zu finden waren. Die Klage kam durch, woraufhin Google Artikel belgischer Zeitungen aus der kompletten Suche ausschloss. Nur wenige Tage später erlaubten die belgischen Verlage Google erneut die Nutzung der Inhalte, weil die Maßnahme sich als nachteilig erwiesen hatte.

Bei den klassischen Printmedien wie Zeitungen verdienten die Verlage bisher vor allem durch die verkauften Anzeigenplätze. Die Einnahmen über die Abo-Preise waren deutlich geringer. Durch die Verlagerung aller Medien ins Internet und die damit immer kleiner werdende Zahl von Abonnenten im Printbereich sind die Verleger heute darauf angewiesen, andere Wege zu suchen, um Geld zu verdienen. Anzeigen im Internet bringen nämlich im Durchschnitt deutlich weniger ein als im Printbereich. Google ist auch in diesem Bereich führend über den Werbevermittlungsdienst „Google AdSense “. Dieser fügt in Werbeplätze, die ihm auch außerhalb des Google-Netzwerkes zur Verfügung gestellt werden, automatisch die passende Werbung ein. Wer solche Anzeigen schaltet, wird von Google dafür bezahlt. Google aber verdient an jedem Klick mit, der auf solche Werbeanzeigen getätigt wird.

Urheber- und Leistungsschutz

Dem Gesetzgeber geht es um den Schutz der Urheber und deren Leistungen. Aber welche sind diese? Die Frage nach der Urheberschaft scheint bei einem Presseverlag schnell geklärt. Urheber der Presseerzeugnisse sind diejenigen Journalisten und Autoren, deren Beiträge in den Medien des Verlags veröffentlicht werden. Die von einem Journalisten für einen Presseverlag erbrachte Leistung besteht darin, einen Artikel zu schreiben. Die Veröffentlichung des Geschriebenen in einem Medium ist der nächste Schritt. Diese Leistung erbringt aber der Verlag, der dieses Medium dann öffentlichkeitswirksam vertreiben muss. Der Verlag muss mit dem Vertrieb des Mediums Umsatz machen, mit dem er den Journalisten angemessen für seine Leistung entlohnen kann.

Offensichtlich genügen die aktuellen Einnahmen den Verlagen nicht, um die Leistungen der Urheber angemessen zu entlohnen, den Verlag am Leben zu erhalten und Qualitätsstandards zu erhalten. Nutzer der Online-Zeitungsportale klicken nicht oft genug auf die Werbebanner oder sie nutzen ohnehin Tools, die Werbung unterdrücken. Deshalb müssen die Verleger ihre Onlineausgaben vielfach über die Einnahmen aus dem Printbereich subventionieren und finanzieren.

Befreiung aus der Abhängigkeit

Das neue Gesetz führt drastisch vor Augen, wie sehr die Internetnutzer, allen voran die Verleger, auf Google angewiesen, regelrecht von Google abhängig sind. Diese Abhängigkeit aber kann nicht befriedigen, sie muss überwunden werden.  Das funktioniert aber nur, wenn die Verlage Einnahmen generieren können, die unabhängiger von Werbebannern und Anzeigen sind, sowohl von der Werbung auf ihren eigenen Seiten und von der Google-Werbung. Der Weg in die Zukunft der Presseverlage im Internet geht über Bezahlinhalte. Die Betreiber solcher Portale sollten ihre Nutzer motivieren, für den zur Verfügung gestellten Qualitätsjournalismus zu bezahlen. Dies kann zum Beispiel über ein Abonnement geschehen. Dann haben auch Journalisten die Chance, auf eine angemessene Bezahlung.

Die Gesetzgebung zeigt, dass es ein öffentliches Interesse an Urheberrechts- und Leistungsschutz gibt. Dies jedoch weiterhin über Werbung finanzieren zu wollen, führt zu einer gefährlichen Abhängigkeit von Marktführern wie Google und der Internetwerbebranche. Am Ende zahlen ohnehin wieder die Internetnutzer, nämlich als Verbraucher der Produkte und Dienstleistungen, die der Werbebranche so schnell nicht ausgehen werden. Ein freier und qualitativ hochwertiger Journalismus im Internet darf nicht als Leibeigener von Google und der Werbebranche enden.

Dieser Artikel ist zuerst hier erschienen: http://www.kath-kommentar.de/2012/08/googles-leibeigene-31-08-2012/