„Friede sei mit Euch!“ (14.09.2012)

Ein Mohammed-Video, ein toter US-Botschafter und der Papst soll Frieden bringen

Im lybischen Benghasi wurden in der Nacht zum Mittwoch der amerikanische Botschafter und drei weitere Menschen getötet. In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa starben drei Demonstranten vor der Vertretung der Vereinigten Staaten, wahrscheinlich durch Schüsse der Polizei. Auch in Kairo kam es zu Ausschreitungen. Dort hatten am Dienstag, dem elften Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 die Proteste gegen einen islamfeindlichen amerikanischen Film begonnen. Auch in Tunesien, im Irak und in den palästinensischen Gebieten kam es zu Protesten gegen das Video, das auf Youtube zu sehen ist.

Billige Produktion, offensichtliche Provokation

Der 14-minütige Trailer „Innocene of Muslims“ ist billig produziert, die Dialoge sind schlecht geschrieben, die Kulissen, Schauspieler und Requisiten wirken so lächerlich wie in einer schlechten Seifenoper. Der Prophet Mohammed wird darin unter anderem als pädophil, homosexuell, Frauen verachtend, promiskuitiv und gewaltliebend dargestellt. ‚Ungläubige‘ oder Männer, die ihm im Weg stehen, werden mit großer Geste und lautem Gelächter getötet. Hartnäckig werden Falschbehauptungen geäußert, Halbwahrheiten und landläufige Klischees über den Islam und das Koranverständnis werden bedient. Die Dialoge sind teilweise offensichtlich nachgesprochen, genau an den Stellen, an denen der Islam verunglimpft und beleidigt wird. Vom Youtube-Nutzer „sam bacile“, der das Video hochgeladen hat, weiß man nur, dass er in den Vereinigten Staaten lebt.

Warum gerade jetzt

Wer auch immer den kurzen Film lanciert hat, er wollte damit bewusst und absichtlich provozieren. Hochgeladen wurde das Video schon vor zwei Monaten. Seit wenigen Tagen ist es aber erst bekannt geworden. Die Frage ist, ob das Video absichtlich zum jetzigen Zeitpunkt verbreitet wurde und ob die Gewalt damit zusammenhängt. Kann ein solch offensichtlich provozierendes Video eine derartige Gewalt auslösen? Das Video wurde offenbar absichtlich am 11. September bekannt gemacht. Zum Jahrestag von 9/11 veröffentlicht das für die Anschläge vor elf Jahren verantwortliche Terrornetzwerkes Al Qaida jährlich ein Video. Diesmal fordert der derzeitige Führer Zawahiri Rache für den Tod des Mitstreiters und möglichen Bin Laden-Nachfolgers, Libi, der im Juni dieses Jahres bei einem Drohnenangriff getötet wurde.

Protest ist nicht gleich Terror

Es ist also gut möglich, dass der libysche US-Botschafter nicht von einer Menge wütender, beleidigter Demonstranten getötet, sondern gezielt von Anhängern des Terrornetzwerks ermordet worden ist. Der Nahostexperte Günter Meyer ist überzeugt, dass “bestimmte politische Gruppen auf solche Anlässe lauern, gerade salafistische, ultrakonservative Gruppierungen, Al Qaida-Anhänger etc., diese Anlässe dann instrumentalisieren, um die Bevölkerung zu mobilisieren.” Zumindest könnten radikale Islamisten den großen Protest genutzt haben, um lange geplante Anschläge durchzuführen. Der Produzent des Mohammed-Videos, so wird behauptet, sei ein israelischer Amerikaner, der bei der Produktion des Films von 100 jüdischen Sponsoren in den USA unterstützt worden sei. Solche Gerüchte und Behauptungen schüren natürlich noch mehr den Hass in der arabisch-islamischen Welt. Es ist gleichwohl ein Unterschied, ob Menschen am helllichten Tag weitestgehend gewaltlos demonstrieren wie in Kairo oder ob schwer bewaffnete Männer ohne Plakate die amerikanische Botschaft in Benghasi stürmen.

Krieg gegen Terror?

Der Zusammenhang zum US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf ist schnell hergestellt, denn der ist in vollem Gange. Die Republikaner haben Amtsinhaber Obama nun vorgeworfen, mit der Tötung Bin Ladens im vergangenen Jahr vorschnell geglaubt zu haben, Al Qaida sei besiegt. Außerdem hätten Obamas konziliante Gesten und sein versöhnender Ton die Feindseligkeit gegen Amerika in der arabischen und muslimischen Welt nicht vermindern können. Der „War on Terror“ sei nicht vorbei. Obama konterte sogleich, Mitt Romney sei einer, der erst schieße und dann ziele.

Der Papst soll Frieden bringen

Inzwischen ist Papst Benedikt XVI. im Libanon gelandet, um die Ergebnisse der Nahost-Bischofssynode von 2010 vorstellen. Das Motto seiner Reise lautet: „ „Pax vobis – Friede sei mit euch“. Ob es dem Papst dabei gelingen wird, Akzente zu setzen, die zu Frieden und Verständigung beitragen? Der Libanon ist in der Region eher ein Außenseiter. Die Religionsfreiheit ist in der libanesischen Verfassung verankert. Außerdem hat in Ländern wie Libyen, Syrien oder Ägypten erst kurz nach der Nahostsynode der sogenannte “Arabische Frühling” begonnen. Demonstrationen, Proteste, revolutionsartige Stimmung und große Veränderungen sind dort bis heute an der Tagesordnung. Dem Libanon aber steckten noch die bis 1990 dauernden Bürgerkriege mit 90.000 Toten in den Knochen. Und als im Frühjahr 2011 die Völker der umliegenden Staaten gegen die autoritär herrschenden Regimes und die politischen und sozialen Strukturen zu protestieren begannen, war der Libanonkrieg der Hisbollah gegen Israel von 2006, der mit seinen Folgen erst 2008 zur Ruhe kam, noch sehr präsent.

Keine politische Reise

Der Apostolische Nuntius in Beirut hat davor gewarnt, die Gesten und Worte des Papstes im Libanon politisch auszulegen. Die Berufung und Aufgabe dieser Nation sei es, mit ihren verschiedenen kulturellen und religiösen Identitäten in gegenseitigem Respekt zusammenzuleben. Im Iran und im Irak, in Israel, dem Gazastreifen, Jordanien, Sudan und Tunesien protestierten unterdessen wiederum Menschen gegen das Mohammed-Video. Nach den Freitagsgebeten der Muslime fürchten die USA weitere Angriffe auf ihre Botschaften. Eigentlich soll der Papst im Libanon vor allem das postsynodale Schreiben vorstellen. Bei der Generalaudienz am Mittwoch sagte er: „Bitten wir Gott darum, dieser Weltregion Frieden im Respekt der gegenseitigen Unterschiede zu gewähren.” Die Hoffnung, dass Benedikt XVI. bei seinem Besuch für ein Ende der Gewalt eintritt und dass seine Reise Frieden für die Region bringt, ist zumindest unter den Christen im Libanon sehr groß.

Dieser Artikel ist zuerst hier erschienen: http://www.kath-kommentar.de/2012/09/%E2%80%9Efriede-sei-mit-euch-14-09-2012/