Alle Menschen werden Brüder… (19.10.2012)

Sehnsucht: Der Friedensnobelpreis für die EU

Wenn Sie diesen Kommentar lesen, sind Sie Gewinner des Friedensnobelpreises, nämlich einer oder eine von 500 Millionen EU-BürgerInnen. Der Preis ist mit umgerechnet fast 1 Million Euro dotiert. Also, herzlichen Glückwunsch zu 0,002 Euro!

Abgesehen davon, dass vermutlich auch einige Nicht-EU-Bürger diesen Text lesen, funktionieren auf diese Weise weder die Verleihung des Nobelpreises noch die Strukturen der EU.

Verbrüderung der Völker

Der 1895 verstorbene Stifter und Namensgeber des Preises, Alfred Nobel verfügte in seinem Testament, dass die Zinsen seines hinterlassenen Kapitals aus einem Fond jährlich als Preisgeld ausgezahlt werden, und zwar ein Fünftel davon „an denjenigen, der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat.” Dieser „Preis für Friedensverfechter“ sollte durch einen vom norwegischen Parlament gewählten fünfköpfigen Ausschuss vergeben werden. Laut diesem Ausschuss erhält die EU den Preis im Jahr 2012 „für über sechs Jahrzehnte Beitrag zur Förderung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa“. Mag man dieser Begründung ohne Bedenken zustimmen, stellt sich doch die Frage, warum gerade dieses Jahr gewählt wurde, um die Friedensbemühungen der EU zu honorieren. Für das Jahr 2012 gab es insgesamt 231 Nominierungen, darunter 43 Organisationen.

Mehr Krise als Frieden

In den vergangenen Jahren hatte man den europäischen Staatenverbund immer wieder als „erfolgreiches Friedensprojekt“ für den Preis nominiert. Die EU steckt derzeit jedoch mitten in einer großen Krise. Dabei geht es nicht mehr, wie bis zum II. Weltkrieg, um „stehende Heere“, wohl aber um die „Verbrüderung der Völker“. Es geht um wirtschaftliche Fragen, um Geld. Der Frieden und die Solidarität des Staatenverbundes sind momentan vielmehr gefährdet als gesichert. Einige der 27 Mitgliedsstaaten laufen Gefahr, ausgeschlossen zu werden und kämpfen teils unter strengen Auflagen um den Zusammenhalt der Union. Derzeit beraten in Brüssel die Staats- und Regierungschefs über die Weiterentwicklung der Währungsunion und die Zukunft von Staaten wie Griechenland oder Spanien. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte am Donnerstag in beim EU-Gipfel: „Ich wünsche mir, dass Griechenland im Euroraum bleibt.“

Der Wunsch als Vater des Gedankens?

Der Wunsch und die Sehnsucht nach Einheit und Frieden haben sicherlich des Erfinders des Dynamits  Alfred Nobel bewogen. Indem er sein Vermögen stiftete, um Menschen zu ehren, die sich besonders für den Frieden einsetzen, demonstrierte er seine große Sehnsucht nach Frieden in der Welt. Es ist nicht das erste Mal, dass der Friedensnobelpreis an eine politische Institution verliehen wird, die sich in einer Krise vorfindet. Wenige Monate nach seiner Amtseinführung erhielt Barack Obama den Friedensnobelpreis, und zwar „für seinen außergewöhnlichen Einsatz zur Stärkung der internationalen Diplomatie und der Zusammenarbeit zwischen den Völkern. Das Komitee hat besonderes Gewicht auf seine Vision und seinen Einsatz für eine Welt ohne Atomwaffen gelegt.”

Der Preis stellt Ansprüche

Welche seiner hehren Pläne hatte Obama zum Zeitpunkt des Juryentscheids in Angriff genommen, geschweige denn verwirklicht? Selbst die heutige Bilanz seiner diplomatischen Bemühungen und seines Einsatzes für Frieden und Völkerverständigung ist zwar bemerkenswert, jedoch nicht einwandfrei. Die Tötung Osama bin Ladens war wenig diplomatisch, die US-Atomwaffen wurden zwar reduziert, dafür aber auch verbessert. Einige Versprechen hat Obama nicht einlösen können. Das ist sicher auch ein Grund, warum er für eine weitere Amtszeit kandidiert. Ist er aber hinter den Ansprüchen des Preises zurückgeblieben? Wer einen Preis gewinnt, wer öffentlich gelobt und geehrt wird, an dessen Leistungen wird in der Folge der Maßstab dieses Lobs angelegt.

Preispolitik

Sollte der Nobelpreis für Obama, soll er für die Europäische Union womöglich weniger eine Auszeichnung für bereits erreichten Frieden sein als viel eher ein Ansporn, sich weiterhin um Frieden zu bemühen? Und wenn dem so sein sollte, ist es dann zulässig, mit einem solch prestigeträchtigen Preis womöglich eine politische Agenda zu stiften bzw. dirigierend bei politischen Entscheidungen mitzumischen? In der Finanz- und Wirtschaftskrise, den politischen und wirtschaftlichen Fragen über den Stabilitätspakt, die europäische Fiskal- und Bankenunion geht es tiefgründig um die Frage der Solidarität der Völker. Echte Solidarität stiftet Frieden, unsolidarische Verhältnisse hingegen sind ein Motor für Unzufriedenheit, Frust und Aggressivität wie sie sich momentan in weiten Teilen der EU beobachten lassen.

Preisdruck macht unfrei

Bei der Preisverleihung in Oslo, zu der EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy alle 27 europäischen Staats- und Regierungschef eingeladen hat, richtet sich der Blick der ganzen Welt auf den Fortschritt, den Frieden und die Gerechtigkeit in Europa. Ein solcher Blick ist berechtigt, nachdem Europa zwei Weltkriege ausgelöst hat. Der Preis kann großen Druck ausüben. Die Projektionsfläche für den Wunsch nach Frieden zu bieten – ob zu Recht oder nicht sei dahingestellt – ist für die Politiker und Verantwortungsträger in der EU nicht einfach. Sie sollten jedoch dringend versuchen, nicht auf äußeren Druck zu reagieren, sondern sich von ihren eigenen Überzeugungen und Sehnsüchten nach Frieden leiten zu lassen. Druck kann unfrei machen. Eine Entscheidung über die Zukunft Europas, die unter dem Druck dieser Preisverleihung getroffen wird, wäre eine schlechte Entscheidung.

Bürgerfrieden

Gleichwohl stehen die Staats- und Regierungschefs sowie die anderen wirtschaftlichen und politischen Verantwortungsträger mit ihrem Ringen um Einheit und Frieden nicht alleine da. Die Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union sind diejenigen, die zuerst und letztlich die Solidarität der EU-Staaten untereinander leisten müssen. Als Einwohner ihrer jeweiligen EU-Mitgliedsstaaten sind sie verpflichtet, den Wunsch nach Frieden unter den Völkern wachzuhalten, Menschenwürde, Solidarität und Toleranz nicht bloß als Minimalkonsens oder als Floskel in Sonntagsreden zu verstehen und so die Sehnsucht nach Einheit und Gerechtigkeit zu bewahren. Die Bereitschaft in Deutschland ist dafür noch groß.

Seid umschlungen, Millionen!

Beethoven wählte Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ als Text für seine 9. Sinfonie, die seit 40 Jahren als Europahymne gilt: „O Freunde, nicht diese Töne!”, heißt es da zu Beginn, „sondern lasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere. und später: „Seid umschlungen, Millionen!“ Man mag hier die vielen Euro-Millionen und Milliarden assoziieren, gemeint ist jedoch die Solidarität unter vielen Menschen und Völkern. Wenn dieser Gemeinschaftsgeist größer wird, fällt es womöglich leichter, die Euro-Millionen zu retten.

Nicht naiv, aber hoffnungsvoll

Die freudenvolleren Töne sollten nicht als „gute Miene zu bösem Spiel“ verstanden werden. Die Probleme sind real und schwerwiegend. Die Preisverleihung kann und will daher die eigentliche Krise nicht überdecken. Es wäre genauso naiv zu glauben, die Verleihung des Friedennobelpreises wolle oder könne einfach so die EU aus ihrer Krise tragen. An konkreten Lösungen müssen die Politiker, Ökonomen und nicht zuletzt alle Bürgerinnen und Bürger arbeiten. Der Preis sollte dabei nicht als Druckmittel oder Politikmache gesehen werden. Vielmehr kann er als Zeichen für den bereits erreichten Frieden in Europa dienen und steht daher auch im Geist der Hoffnung auf die freudenvollen Töne, auf eine friedvollere Zukunft in Europa.

Dieser Kommentar ist zuerst hier erschienen: http://www.kath-kommentar.de/2012/10/alle-menschen-werden-bruder-19-10-2012/