Der lange Weg zur Freiheit im Web (30.11.2012)

Die Stimmung gegen den Monopolisten Google kippt

„The internet must remain free!“ forderte Wikipedia Anfang dieses Jahres. In den USA wurden seinerzeit Gesetzesentwürfe diskutiert, die es ermöglichen sollten, Suchmaschinen wie Google vorzuschreiben, Zugriffe auf solche Websites nicht zuzulassen, die Urheberrechtsverletzungen dulden oder fördern. Wikipedia machte Stimmung gegen einen kontrollierenden Überwachungsstaat, stellte gar Verbindungen mit der Internet-Zensur in China her und schaltete das Portal aus Protest einen Tag lang ab.

Verteidige Google – nicht das Netz

Heute ruft Google zum Freiheitskampf im Internet auf: „Willst Du auch in Zukunft finden, was Du suchst? Mach’ mit: Verteidige Dein Netz”, heißt es unterhalb der Google-Suchmaske. Die Nutzer sollen sich an ihre Bundestagsabgeordneten wenden. Aber nicht wirklich um das Netz zu verteidigen, sondern um Google zu helfen. Das aktuell diskutierte Gesetz zum Leistungsschutzrecht soll deutsche Verlage an den Einnahmen beteiligen, die der Google-Konzern erzielt, indem er auf Presseartikel im Internet verlinkt. Die Google-Software durchsucht das Internet nach tagesaktuellen Nachrichten und stellt daraus eine Art Pressespiegel zusammen. Google verweist direkt auf aktuelle Artikel, die in diesen Portalen zur Verfügung gestellt werden. Außerdem werden kleine Ausschnitte der Artikel direkt auf der Google-Seite angezeigt.

Google ernennt sich zum Verteidiger der Freiheit im Web

Die Forderung nach einem kostenlosen, freien Internet stammt aus den 1990er Jahren, als das Internet noch relativ neu war. Es geht Google aber nicht um Freiheit im Internet. Das konnte man vielleicht gerade noch Wikipedia abnehmen. Das Portal finanziert sich nämlich auf Spendenbasis. Google hingegen ist und bleibt ein gewinnorientiertes Wirtschaftsunternehmen. Dieses Unternehmen sieht sich jetzt in seinem Status als Monopolist bedroht. Google instrumentalisiert daher die Ängste und Befürchtungen der freien Netzgemeinde.

Google bekommt Angst

Bisher ist Google ganz und gar nicht freiheitlich vorgegangen: die belgische Verwertungsgesellschaft „Copiepresse“, hatte geklagt, weil bei „Google News“ Artikelausschnitte zu finden waren. Die Klage kam durch, woraufhin Google Artikel belgischer Zeitungen komplett aus der Suche ausschloss. Nur wenige Tage später erlaubten die belgischen Verlage Google erneut die Nutzung der Inhalte, weil die Maßnahme sich als nachteilig erwiesen hatte. Wenn Google die Links zu Presseartikeln entfernt, werden die Nachrichtenportale deutlich weniger besucht, die Artikel werden weniger gelesen. Das neue Gesetz führt vor Augen, wie sehr die Internetnutzer, allen voran die Verleger, gegenwärtig auf Google angewiesen sind. Abhängigkeit aber ist das Gegenteil von Freiheit. Die Stimmung gegen Google scheint nun aber zu kippen. Bekommt es Google mit der Angst zu tun? So ließe sich Googles Hilferuf an seine Nutzer erklären.

Google will keine Freiheit

Offenbar gibt es ein öffentliches Interesse an Urheberrechts- und Leistungsschutz. Gegenwärtig leben wir hier in einem offenen Konflikt. Die Produzenten von Webinhalt müssen sich irgendwie finanzieren und brauchen Erträge. Google aber will, dass Inhalte nichts kosten. Google bringt Interessenten und Anbieter zusammen und hilft, sich im Web zu orientieren. Das ist aller Ehre und auch Geld wert. Doch Google will noch mehr: Es will Zugriff auf die Inhalte und will absichern, dass diese kostenfrei zu Verfügung stehen. Doch genau so wird erschwert,  dass auch andere, außer der monopolistischen Suchmaschine Google, im Internet durch das Verkaufen von Inhalten Geld verdienen. Dies aber ist notwendig, damit Informations- und Meinungsvielfalt im Internet gewährleistet ist. Wer für kostenlosen Inhalt im Internet plädiert, der zementiert das Google-Monopol. Deshalb ist es Google nicht abzunehmen, dass es den Weg in die Freiheit sucht. Vielmehr soll die eigene Monopolstellung abgesichert werden.

Raus aus der Abhängigkeit

Vielleicht erkennen Internetnutzer und Verlage in dieser Situation, wie die Abhängigkeit von Google und der Werbebranche überwunden werden kann: die Verlage müssen im Internet Einnahmen generieren, und dies nicht nur über die Schaltung von Werbebannern und Anzeigen. Die Betreiber solcher Portale sollten ihre Nutzer motivieren, für den zur Verfügung gestellten Qualitätsjournalismus zu bezahlen. Dies kann zum Beispiel über ein Abonnement geschehen. Dann haben auch Journalisten die Chance auf eine angemessene Bezahlung. Auf diese Weise könnte auf lange Sicht wirkliche Freiheit im Internet erreicht werden. Internetnutzer, Verlage und Urheber sollten sich frei machen von den monopolistischen Bestrebungen und Methoden, die der Manipulation von Information Tür und Tor öffnen.

Google geht einen riskanten Weg. Irgendwann wird auch der letzte Nutzer erkennen, dass nicht die Freiheit des Internets in Gefahr ist, sondern die Gewinnspanne von Google. Dann wird das Unternehmen sehr viel kritischer gesehen als jetzt und vor allem erhalten Konkurrenten bei den Surfern eine größere Chance. Google würde sein Monopol noch ein paar Jahre länger behalten, wenn der Konzern den Zeitungsverlagen etwas zahlen würde. Bei YouTube sind solche Verträge von der Musikindustrie bereits ausgehandelt.

Dieser Kommentar ist zuerst hier erschienen: http://www.kath-kommentar.de/2012/11/der-lange-weg-zur-freiheit-im-web-30-11-2012/