Kein Mitleid für Homosexuelle (06.11.2015)

Eine Reaktion zu:

Zölibat ist versprochen, egal von wem

Wer sexuell aktiv und mit einem exklusiven Partner leben möchte, kann nicht gleichzeitig zölibatär leben. Soviel ist klar. Ob jemand mit einem gleichgeschlechtlichen Partner zusammen leben möchte oder in einer heterosexuellen Beziehung, ist für das damit gebrochene Zölibatsversprechen völlig wumpe. Dass nicht alle direkt in Jubel ausbrechen, wenn jemand öffentlich dazu steht, dass er nicht mehr zölibatär leben kann, ist aus Sicht der Öffentlichkeit vielleicht verständlich, wenn man dadurch einen großartigen Priester verliert – aber eigentlich kann man jemandem zu einer solchen ehrlichen Entscheidung nur gratulieren. Auch wenn es schmerzhaft ist.

Zur homosexuellen Neigung und dem Diskriminierungsverbot im Katechismus

„Kann keiner was für, dass er schwul ist“ klingt wahnsinning abwertend, als ob es ein schlimmes Schicksal oder eine schlimme Krankheit wäre, homosexuell zu sein – diese Mitleidsschiene des Katechismus finde ich grotesk. Einer ist homosexuell, der andere heterosexuell – da braucht keiner den anderen zu bemitleiden. Dafür müsste Homosexualität ja an sich ein Leiden sein – und das ist eine Unterstellung.

Leiden tun die Homosexuellen doch vor allem deshalb, weil sie von der Mehrheitsgesellschaft bemitleidet werden. Das Diskriminierungsverbot also damit zu begründen, dass Homosexuelle bemitleidenswert sind, ist widersinnig. Das Mitleid der Gesellschaft („Ach, die armen Schwulen mit ihrer Veranlagung, für die sie nichts können“), also das Herabschauen auf sie, ist doch die Diskriminierung. Das „öffentliche Ärgernis“ ist doch, dass die Homosexuellen bemitleidet und diskriminiert werden – nicht, dass es sie gibt oder dass sie so sind wie sie sind. Das eigentliche Ärgernis ist doch die Diskrimierung.

Veranlagung und sündhaftes Verhalten

Heterosexuelle haben genauso die Veranlagung, außerhalb / vor der Ehe sexuell aktiv zu sein. Laut Katechismus ist dieses Verhalten genauso sündhaft wie homosexuelle sexuelle Handlungen. Diese Logik im Katechismus ist überhaupt nicht nachvollziehbar. In der Nacht der katholischen Sexualmoral sind aber alle Katzen grau. Alles ist schwere Sünde, was nicht innerhalb der gültig geschlossenen Ehe stattfindet. Da liegt der Hund begraben.

Es kann nicht alles „schwere Sünde“ sein

Einem in Treue zueinander lebenden (homosexuellen oder auch nicht) Paar kann man nicht einfach vermitteln, dass sie genauso weit von Gott entfernt sind wie jemand, der sich promiskuitiv durch die halbe Weltgeschichte schläft – oder soll man einem Jugendlichen, der gerade seine Homosexualität entdeckt, beibringen, dass er dem auf keinen Fall nachgeben darf, weil er sonst genauso weit von Gott entfernt ist wie jemand, der regelmäßig seine Frau betrügt? Das passt alles nicht zusammen und das liegt an der Sprache der Kirche. Es kann nicht einfach alles schwere Sünde sein. Jahrzehnte lange haben Leute wegen dieser Sprache in Angst, Scham und Selbstzweifel gelebt und es wird immer noch weiter so vermittelt, wenn auch nicht überall. Das ist nicht einfach ein pastorales Problem. Da liegt etwas in der Lehre im Argen.